Seit einem Jahr bin ich nun Erste Bürgermeisterin der Stadt Waldershof. Was für ein spannendes und aufregendes Jahr – eine gute Zeit, um eine Bilanz zu ziehen!

Unter den zehn Spitzenreitern der angesehensten Berufe taucht der Bürgermeister leider nicht auf, obwohl doch erst durch diese Person eine Gemeinde durch politisches Handeln in Erscheinung tritt. Das Stadtoberhaupt hat den Vorsitz im Stadtrat, ist Leiter der Stadtverwaltung und vertritt die Gemeinde nach außen. Es trägt somit wesentlich zum Erscheinungsbild der Gemeinde bei.

Aber was sind aus meiner nun einjährigen Erfahrung eigentlich die Anforderungen an das Amt der Ersten Bürgermeisterin? In Bayern wird die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister direkt von den Bürgerinnen und Bürgern eine Gemeinde gewählt. Sie oder er hat somit eine starke Legitimationsbasis und ist direkter Ansprechpartner für alle Bewohner einer Stadt. Aber bedarf es einer bestimmten Vorbildung, eines Vorbereitungsdienstes oder einer fachlichen Prüfung? Sind besondere Begabungen, gute Schulabschlüsse, handwerkliche Kompetenzen notwendig? Ja und Nein!

Man muss bei Volksfesten mit dem Schlegel den Zapfhahn mit möglichst wenigen Schlägen in das Bierfass treiben – das ist echtes Handwerk! Man sollte gut reden können, auch wenn es oft darauf ankommt, sich möglichst kurz und prägnant auszudrücken – wenn man zum Beispiel „Ozapft is“ ruft! Und am beliebtesten sind bekanntlich diejenigen Stadtoberhäupter, die wie selbstverständlich zu jeder, auch allerkleinsten Vereinsfeier kommen, um dort ein Grußwort sprechen. „Guad hat sie wieder gred, unner Bürgermeisterin!“ – Aber was hat sie eigentlich gesagt? „Woiß` ned, aber es hat ned lang dauert!“

Derartiges Lob ist nicht selten, wenn Frau Sonnemann überall präsent ist. Denn eine zweite wichtige Eigenschaft ist: Möglichst immer und überall präsent sein. Es gibt keine Veranstaltung, die es zu versäumen gilt: „Koana außer den drei Vorstandsmitgliedern is kumma, aba una Bürgermeisterin, die war da!“ Und Vegetarier mag sie ja sein, das geht ja gerade noch, aber eine gewisse Trinkfestigkeit ist unverzichtbar!

Und zum Amt der Bürgermeisterin gehört auch ein immer offenes Ohr, denn das Stadtoberhaupt ist ein gern kontaktierter Ansprechpartner. Fliegen im Frühling die Blüten und im Herbst die welken Blätter vom Baum der Gemeinde auf das angrenzende Grundstück – Anruf bei der Bürgermeisterin. Räumt der Schneepflug Schnee von der Straße vor die Grundstückseinfahrt – Anruf bei der Bürgermeisterin. Gibt es Streit mit dem Nachbarn -–Anruf bei der Bürgermeisterin. Auch zeigt der Begriff „Bürgermeisterwetter“, dass man manchmal sogar Fehlleistungen von „ganz oben“ korrigieren muss. Aber das macht für mich den Reiz des Amtes aus. Ein offenes Ohr haben, sich um Probleme kümmern, Menschen helfen und Dinge im Kleinen wie im Großen verändern – zum Wohle der Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger.

Liebe Waldershoferinnen und Waldershofer, die eine oder andere Seite dieses Amtes mit einem gewissen Humor zu nehmen, gehört für mich dazu. Blicke ich aber ernsthaft auf das letzte Jahr zurück, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass mir das Amt so gut gefällt, wie ich es nicht erwartet hatte. Der kommunale Bereich ist wie keine andere politische Ebene durch eine Vielfalt der Aufgaben und Probleme geprägt, zeichnet sich aber auch durch eine breite Palette an Lösungsmöglichkeiten aus. Das, was vielfach als „Daseinsvorsorge“ oder „Qualität des Lebens“ bezeichnet wird, nimmt in unserer Stadt konkret Gestalt an und muss in der täglichen Praxis umgesetzt werden.

Für jeden Einzelnen wird hier vor Ort unmittelbar erlebbar, welche Auswirkungen politische Entscheidungen haben. Anders als auf Landes-, Bundes- oder gar Europa-Ebene ist es auf kommunaler Ebene für Bürgerinnen und Bürger einfacher und besser nachvollziehbar, wie Entscheidungen zustande kommen und wofür die öffentlichen Mittel verwendet werden. Das erfordert aber auch ein gewisses Maß an Transparenz der politisch handelnden Akteure. Kommunalpolitische Entscheidungen müssen nachvollziehbar und verständlich sein und möglichst nicht oder wenig parteipolitischen Auseinandersetzungen zum Opfer fallen.

Und schließlich habe ich feststellen können, wie sehr all diese Aufgaben kleine und große Entscheidungen erfordern und es notwendig machen, auch mal Prioritäten zu setzen. Kommunalpolitische Entscheidungen erfordern stets ein erhebliches Stück an Vertrauensarbeit und setzen Überzeugungsfähigkeit und die Bereitschaft zur Einsicht voraus. Dazu bedarf es meiner Meinung nach von allen Seiten einer intensiven Kommunikationsbereitschaft und eines differenzierten Informations- und Meinungsaustausches. In einem demokratischen Staatswesen sind dabei die öffentlichen Entscheidungsträger in besonderem Maße in die Pflicht genommen; denn der mündige Bürger fordert die Diskussion über die Richtigkeit der Entscheidungen und verlangt Rechenschaft von seinen gewählten Repräsentanten.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass ich gerne Ihre Erste Bürgermeisterin bin und es auch bleiben werde. In den vergangenen Tagen und Wochen hat es vor dem Hintergrund der tragischen Ereignisse in meiner Familie Rücktrittsgerüchte gegeben. Wir als Familie müssen das, was passiert ist, nun privat durch Trauer verarbeiten. Aber ich sage auch ganz klar: Ich bleibe Erste Bürgermeisterin, ich bin gewählt, die Menschen vertrauen mir. Und hier hat mich mein verstorbener Mann Uwe immer besonders unterstützt – und ich bin mir sicher, dass es in seinem Sinne ist, dass ich weitermache!

Ich freue mich auf weitere gute Jahre der Zusammenarbeit mit Ihnen und bin sehr gerne

Ihre Erste Bürgermeisterin der Stadt Waldershof und seiner Ortsteile.